Die Geschichte einer VHS

Während Nintendo im Augenblick ganz auf 64Bit-Retro setzt (aktuell Ocarina of Time 3D, schon bald folgt Lylat Wars), wollen wir euch eine kleine Geschichte über ein fast ausgestorbenes Medium erzählen.

Nostalgie ist was ganz Wunderbares, denn sie bringt einen dazu, sich vergangene Dinge oft schöner zu reden, als sie eigentlich sind. Was hab ich früher zum Beispiel gern Videos geschaut. Erinnert Ihr euch? Diese klotzigen VHS-Kassetten, die man immer zurückspulen musste, bevor man sie in der Videothek wieder abgab. Die besaßen eine fantastische Auflösung von 320×200 Bildpunkten, Super VHS sogar 640×480. Ich gebe zu, heute bin ich technisch anspruchsvoller Cineast, kaufe meine Filme am liebsten auf Blu-Ray und bekommen Würgereiz, wenn ein Film nicht alle Surround-Kanäle ordentlich ausnutzt. Doch wie eingangs erwähnt, bewirkt die Nostalgie bisweilen ulkige Dinge beim Menschen – so auch bei mir, als ich kürzlich beim Stöbern in einer Schublade eine 13 Jahre alte Videokassette wieder fand. Eine Kassette die ich wahrscheinlich häufiger als jede andere gesehen habe. Das Nintendo 64-Promovideo vom Herbst 1998!

Zur Zeit rollt die Retrowelle natürlich mit unbändiger Kraft über die Meere, während unzählige Spieler mit dem Remake von Ocarina of Time in Erinnerungen schwelgen. Warum dieses Spiel eine so mystische Macht entfaltet, haben wir ja bereits in unserem Test zu umreißen versucht. Daher möchte ich euch die Geschichte dieser Videokassette erzählen, die vielleicht sogar noch bei dem ein oder anderen außer mir im Regal steht.

Als das Internet noch im Strampelanzug lag und Windows sich gerade mühsam auf Version 98 quälte, war es im Hause Nintendo Tradition, Werbung in Form von Videokassetten zu verteilen. Konkurrent Sony war zu dem Zeitpunkt bereits moderner, denn viele Spielezeitschriften enhielten Demos auf ihren beiliegenden CDs, was für Nintendo dank der Cartridge-Technologie aber natürlich nicht möglich war. Da Youtube erst Mitte des nächsten Jahrzehnts geboren werden sollte, fand man des Öfteren in Kaufhäusern und bisweilen sogar als Dreingabe von Zeitschriften (stellt euch mal vor, wie dick das dann war) eine VHS-Kassette mit Spielszenen. Eigentlich eine ziemlich coole Sache und ich freute mich seinerzeit wie ein Schnitzel, wenn ich neben dem kostenlosen Club Nintendo-Heft auf mal eine Gratis-Videokassette abstauben konnte. Das nach dem damaligen Slogan „Feel Everything“ benannte Video lag dabei zum Weihnachtsgeschäft 98 bei den Händlern aus und wurde vermutlich in erster Linie wegen seiner Präsentation von Ocarina of Time zur kleinen Internetlegende unter Retro-Fans. Ohne die heutigen Möglichkeiten der Informationbeschaffung sammelte man als ungeduldiger Spieler schließlich jeden noch so kleinen Artikel und Videoschnipsel, um seine Vorfreude irgendwie im Zaum halten zu können. Auch mir erging es so und ich erinnere mich, dass ich am Tag, an dem ich die besagte Videokassette abstaubte, extra ein zweites Mal in die Stadt gefahren bin, da ich beim ersten Händlerbesuch noch mit einem Freund unterwegs war, der Verkäufer uns aber nur eine Kassette aushändigen wollte. Also abends nochmal in das Geschäft gegangen und danach war ich stolzer Besitzer des „Feel Everything“ Videos. Auf dieser VHS wurden innerhalb von rund 30 Minuten an die 20 Nintendo 64-Spiele vorgestellt, die fünf aktuellen Weihnachtsblockbuster in großen, mehrminütigen Präsentationen, der Rest danach in Schnipselform. Es war nicht mein erstes Promovideo und ehrlich gesagt war ich damals wie heute der Meinung, dass es in seiner Gesamtaufmachung auch nicht so gelungen war, die das vorherige Video „Wieviel 3D hälst du aus?“. Aber Nintendo machte damals eben noch einen auf cool (kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen) und dementsprechend war auch das Video in Sachen Musik und Typografie inszeniert. Und nichts destotrotz habe ich mir dieses Video damals jeden Tag mehrfach angeschaut! Meist nur die bessere, erste Hälfte, oft auch nur die Präsentation von Ocarina of Time. Doch mit diesem Film hat es Nintendo geschafft, mich als Spieler derartig heiß zu machen, wie es seit dem nur noch selten der Fall war – egal bei welchem anderen Spiel. Und das ist auch der Grund, warum mir bisherige Trailer von The Legend of Zelda: Skyward Sword meist noch überhaupt nicht zugesagt haben, weil sie im direkten Vergleich geradezu dilettantisch inszeniert sind. Auch dieser Promofilm von Ocarina of Time hat im Grunde nur Spielszenen aneinander gereiht, doch Nintendo bewieß damals in Sachen Musik- und Szenenwahl, Betitelung und Szenenabfolge ein wahrhaft glückliches Händchen, dass genau die Form von Atmosphäre erzeugte, nach der damalige Fans lechzten. Und selbst wenn ich mir heute diese paar Minuten in mikriger VHS-Auflösung anschaue, überkommt mich noch immer ein wohliger Schauer. Obwohl die Grafik veraltet ist. Obwohl es auf meinem HD-Fernseher matschig ist. Aber so ist das eben mit der Nostalgie. Sie färbt die Dinge schöner, als sie rein faktisch sind. Und während meine Freundin in dieser Videokassete nur 30 Minuten veralteter Grafik sieht, sehe ich für eine halbe Stunde zurück in meine späte Kindheit.

Das volle Video könnt Ihr euch übrigens in vier Parts auf YouTube anschauen (1, 2, 3, 4). Die besagte Zelda-Präsentation befindet sich in Part 3. Und bevor die Frage aufkommt, die bei diesem Film immer aufkommt: Das Lied heißt The Deep und stammt von Komponist Mark Russel. Vor der Ära der Internet-Videoplattformen hat es mich Jahre gekostet das wieder zu finden. Und um diese kleine Retrospektive mit einer wirklich nerdigen Anekdote abzuschließen: Am 8. Dezember 2006 habe ich mir als einer der Ersten in unserer Stadt um 6 Uhr morgens meine vorbestellte Wii samt Zelda: Twilight Princess beim örtlichen Händler abgeholt. Ratet mal, welches Lied mein Wecker an diesem Morgen gespielt hat…

7 Kommentare zu „Die Geschichte einer VHS“

  1. An die VHS Kassetten kann ich mich auch noch gut erinnern. Die habe ich damals zig mal verschlungen aber letztendlich leider irgendwann weggeschmissen, worüber ich mich heutzutage sehr ärgere. Man war das eine schöne Zeit, als Nintendo noch richtig cool war.

    Als netter Mensch möchte ich darauf hinweisen, dass man alle seinerzeit erschienen Nintendo Werbe-VHS Kassetten bei den Jungs von http://www.64DD.net herunterladen kann.
    http://64dd.net/modules/specials/?p

  2. Viele der damaligen Spiele waren meiner Ansicht nach so cool, weil das N64 ein technisch recht fortschrittliches Gerät war. Trotz Nebel und Speicherplatzbegrenzung war die Grafik eine zeitlang wegweisend. Nintendo war sich dessen sehr wohl bewusst und hat seine Spiele dementsprechend inszeniert.
    So verspürte man in den Endsequenzen von Mario 64, Ocarina of Time oder Lylat Wars den deutlichen Einfluss der Filmästhetik, bei der sich Nintendo bediente. Und mann oh mann, das war auch gut so!!!
    Entgegen vieler heutiger Behauptungen hat Nintendo schließlich NICHT schon immer die Meinung vertreten, dass Grafik nur zweitrangig sei. Die waren da lange Zeit immer vorn dabei. Eigentlich bis zum Gamecube. Wirtschaftspolitisch war die Wii natürlich vernünftig, doch ich hoffe, dass sich Nintendo mit Wii U wieder darauf konzentriert, Spiele zu entwickeln, die in jeder Hinsicht für offene Münder sorgen – nicht nur mit gutem Gameplay.

  3. Asche auf mein Haupt. Nicht zu glauben, aber ich habe diese fast schon kultige Kassette vor wenigen Jahren einfach weggeworfen. Zusammen mit der Kassette von Donkey Kong Country (SNES) war dies vielleicht das beste Preview-Material, was von Nintendo kam. Ich kann Dir wirklich in allen Belangen zustimmen. Heutige Trailer, egal für welche Konsole, erfreuen mich zwar, sind aber noch lange nicht so stimmig inszeniert wie damals.

  4. Die Kassette hab ich mindestens 100 mal eingelegt und den Zelda Trailer vor release täglich gesehen. Find ich urgeil die Ausschnitte mal wieder zu sehen. Ich besitze zwar noch die Kassette aber habe kein VHS Abspielgerät mehr ^^

  5. Pingback: Die erste Festplatte: Eine kleine Zeitreise zurück in die 50er | Science compact

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