Im Test: Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden (Multi)

Die Geschichte des Einen Rings dürfte sicherlich jedem bekannt sein. Peter Jackson hatte Tolkiens Der Herr der Ringe eindrucksvoll verfilmt und im Zuge dessen durften sich Videospieler auch über einige Umsetzungen des Stoffs für Konsolen und PC freuen. Mit Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden kehren die Hobbits, Zwerge und Elben nun auf PC, PS3 und Xbox 360 zurück. Wir waren für euch in Mittelerde und verraten euch in unserem Test, was das Spiel taugt…

Was macht man mit einer gekauften Lizenz, wenn gerade kein passender Film dazu im Kino läuft? Richtig, man bastelt eine Geschichte rund um die eigentliche Hauptstory herum und bringt diese als eigentständiges Spiel auf die Konsolen. So oder ähnlich muss die Idee bei den kreativen Köpfen der Snowblind Studios gewesen sein, als es an das Konzept von Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden ging. Als Grundlage diente selbstverständlich die berühmte Romanvorlage von Tolkien, doch wollte man offenbar nicht erneut die Geschichte von Frodo Beutlin und den Gefährten in einem Spiel verwursten. Stattdessen schlüpft man als Spieler in die Rolle von drei Kriegern, die wohl nur den wenigsten Tolkien-Experten bekannt sein dürften. Man hat dabei direkt zu Spielbeginn die Wahl, in wessen Haut man schlüpfen möchte: Mit dem Dúnedain-Waldläufer Eradan führt man eine starke Klinge, die Elbin Andriel darf dagegen magische Fähigkeiten zu Hilfe nehmen. Der zähe Zwerg Farin, der übrigens nicht verwandt mit Farin Urlaub von den Ärzten ist, greift ebenfalls gerne zu Schwert und Axt und tut es somit dem Waldläufer gleich. Habt ihr euch für einen Protagonisten entschieden und in rudimentärer Form eure Optik bestimmt, findet ihr euch im Gasthaus Zum Tänzelnden Pony in Bree wieder. Ein Dialog mit Aragorn klärt euch über die aktuellen Ereignisse auf und ihr erfahrt, dass der Sohn Arathorns den Hobbit Frodo Beutlin vor den Ringgeistern beschützen und seine Mission begleiten muss, den Einen Ring nach Mordor zu bringen.

Soweit, so gut und insofern bisher nicht wirklich neu. Allerdings wollt ihr an dieser Stelle natürlich die Mission unterstützen. Nachdem ihr drei Tage vor Frodo in Bree angekommen seid, sollt ihr in den Norden Reisen und Frodo den Rücken frei halten, indem ihr euch um Agandur, Saurons rechte Hand, kümmert. In den folgenden Stunden verkommt euer Abenteuer dabei zwar im Prinzip zu einem einzig großen Sidequest, da ihr immer wieder an Schlüsselstellen erzählt bekommt, was Frodo und seinen Gefährten kürzlich passiert ist, im Prinzip seid ihr aber nicht in die Hauptgeschichte, die eigentlich ohnehin jeder kennt, eingebunden. Stattdessen erzählt Der Krieg im Norden seine eigene Handlung, in der ihr beispielsweise auf den großen Adler Beleram in Fornost trefft und diesen aus der Gefangenschaft der Orks befreit. Eure Reise führt euch dabei auch an bekannte Orte wie Bruchtal, wo ihr auf Bilbo Beutlin sowie Elrond und Gandalf trefft. Auch mit Arwen dürft ihr einen Dialog führen und bekommt von ihr sogar ein Nebenquest spendiert. Fans der Herr der Ringe-Saga könnten dabei durchaus auf ein spannendes und toll inszeniertes Game hoffen. Die Ansätze dazu erfüllt Der Krieg im Norden definitiv und da die Entwickler von Snowblind unter anderem für Baldur’s Gate: Dark Alliance zuständig waren, hätte man hier durchaus einen kleinen Hit erwarten können.

Offenbar war allerdings die Entwicklungszeit zu kurz gesteckt. Der Titel muss sich nämlich mit vielen kleinen Mängeln herumschlagen, die an sich genommen nicht wirklich tragisch sind, in ihrer Gesamtheit allerdings dann doch ins Gewicht fallen und das Spiel ins Mittelmaß abrutschen lassen. Doch widmen wir uns zuerst einmal der Spielmechanik selbst. Der Krieg im Norden ist vom Prinzip her ein Actiongame mit RPG-Elementen, wobei gerade in den Kämpfen oftmals der Eindruck des Buttonmashers erweckt wird. Gerade in den ersten Spielstunden fegt man die ersten Gegner dabei nur so vom Platz und wundert sich, wozu es überhaupt mehr als einen Button gibt, der im Spiel Verwendung findet. Mittels Tastendruck löst ihr schnelle Schläge aus, die man wunderbar in herrlichen Combos aneinander reihen darf. Starke Schläge dagegen dürfen als das Finale einer Combo hergenommen werden. Ist ein Gegner bereits zu einem gewissen Grad geschwächt, wird mit einem starken Schlag auch eine Art Finishing Move ausgelöst. Diese sind wirklich spektakulär inszeniert, indem die Kamera nahe an das Geschehen heran zoomt, wenn ihr mit eurem Schwert dem Kontrahenten beispielsweise das Bein abtrennt oder seinem Kopf Flügel verleiht. Dabei spritzt ordentlich schwarzes Orkblut und macht klar, dass Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden wie beworben in der Tat eher für das erwachsene Publikum konzipiert wurde. Liegen geschwächte Gegner am Boden, dürft ihr ihnen auch die Klinge ins Herz rammen und sie so unschädlich machen.

Während eure Elbin mit ihrer Magie auf Distanz stark ist, sind der Waldläufer und der Zwerg dagegen mit einem Bogen ausgestattet, der auf Knopfdruck ebenfalls zum Einsatz gebracht werden darf. Solange euer Köcher genug Pfeile hergibt, könnt ihr so aus sicherer Entfernung Angreifer schwächen, feindliche Bogenschützen ausschalten oder zumindest die Aufmerksamkeit auf euch lenken. Für jeden besiegten Feind erhaltet ihr Erfahrungspunkte, wobei euer Punktezähler bei aneinandergereihten Combos noch einmal in die Höhe schnellt. Beim Aufstieg eines Levels dürft ihr ganz RPG-like jeweils drei Punkte auf die Werte Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Wille verteilen und so euren Helden individualisieren. Auch ein Fertigkeitenpunkt darf pro Levelaufstieg verteilt werden. Hier könnt ihr zusätzliche Fähigkeiten erlernen, euren zugefügten Schaden maximieren, die Nachladezeit für bestimmte Sonderfähigkeiten verkürzen oder euren Köcher vergrößern, so dass ihr künftig mehr Pfeile mit euch führen könnt. Eure Ausrüstung wird über ein gesondertes Menü verwaltet und kann sich ebenfalls sehen lassen. Die Helme, Schulterpolster, Rüstungen, Stiefel, etc. sind teils bestimmten Sets zugeordnet und geben euch in der richtigen Kombination weitere Boni. Besondere Waffen und andere Gegenstände sind auch an versteckten Stellen im Spiel zu finden oder werden als Belohnung von besiegten Gegnern fallen gelassen. Teils besitzen auch diese Items Sonderfähigkeiten oder besitzen einen, bzw. zwei Slots für Edelsteine. Über diese können die Ausrüstungsgegenstände noch einmal verbessert und mit individuellen Eigenschaften und Boni versehen werden. Ihr müsst dabei allerdings auch stets auf den Abnutzungsgrad der Gegenstände achten und sie rechtzeitig bei einem Schmied reparieren lassen, da sie sonst ihren Nutzen verlieren.

In Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden seid ihr übrigens nicht alleine unterwegs, sondern stets Teil der anfangs erwähnten Dreiergruppe. Im Einzelspielermodus werden eure beiden Begleiter von der KI gesteuert, vor der Konsole daheim darf ein zweiter Spieler kooperativ mitspielen, während online beide Mitstreiter von anderen Spielern gesteuert werden dürfen. Einzelspieler ärgern sich dabei häufig über die teils dümmliche KI ihrer Mitspieler. Eure Gefährten können euch zwar wiederbeleben, wenn ihr in der Schlacht gefallen seid (was umgekehrt genauso funktioniert), allerdings stürzen sie sich selbst auch immer zielsicher ins größte Getümmel und fordern den Tod geradezu heraus. Auch das Verteilen von Gegenständen wurde alles andere als optimal gelöst. Ist euer Inventar beispielsweise voll und ihr wollt euren Gefährten Gegenstände abgeben, sind diese fortan für euch verloren. Ihr habt als Einzelspieler nämlich keinerlei Zugriff aufs Inventar eurer Begleiter. Ihr könnt euren Charakter zwar an ein paar Stellen im Spiel theoretisch wechseln, doch hat euer altes Alter Ego dann nicht etwa eure Charakterwerte und Ausrüstungsgegenstände, sobald ihr mit einem anderen Charakter weiterspielt, sondern verkommt zum Standardcharakter. Das ist insofern erst recht schade, weil man mit jedem veränderten Ausrüstungsgegenstand auch das Erscheinungsbild seines Charakters ändert. Hätte man sich hier seine eigene Gruppe personalisieren können, wäre der Identifikationsfaktor mit den Figuren sicherlich höher gewesen.

Der Krieg im Norden leidet nämlich leider insgesamt gesehen unter seinem eher schwachen Storytelling. Die Dialoge der einzelnen Charaktere untereinander wirken oftmals lieblos und öde, so dass eigentlich zu keinem Zeitpunkt wirklich Spannung aufkommt. Eine Charakterentwicklung ist quasi nicht vorhanden, die Protagonisten bleiben blass und wirken austauschbar. Man spielt den Titel somit nicht, weil man wirkliches Interesse an der sehr fade erzählten Geschichte hat. Auch in Sachen Gameplay bleibt die Abwechslung irgendwann auf der Strecke. Man hat sich zwar bemüht, hin und wieder neue Elemente ins Spiel zu bringen. Wenn mal ein Tor geöffnet werden will oder man einen Geschützturm bedienen darf, um die feindlichen Horden abzuwehren, dann ist das zwar simpel umgesetzt, jedoch immerhin spaßig. Auf Dauer wird hier allerdings einfach zu wenig geboten. Man hat alles schon einmal an anderer Stelle besser gesehen und die tatsächlichen Überraschungen bleiben aus. Ein paar mehre Feinde in verschiedenen Variationen hätten dem Spiel ebenfalls gut getan. Immerhin ist für die Kämpfe gegen die Uruk-hai das Blocken immens wichtig. Stellt sich euch gar ein Troll in den Weg, wird es in der Regel sogar spannender und fordernder, als wenn man gegen einen der wenigen Bosse antritt. Die Trolle warten zwar mit schnell durchschaubaren Angriffsmustern auf, erfordern aber dennoch viel Ausdauer und können euch bei einem Treffer viel Kraft kosten. Hier muss man stets beweglich bleiben und den richtigen Moment für einen Angriff abpassen. Zwar macht das blutige Gemetzel gegen Goblins auch Spaß, allerdings hätte es durchaus öfter solch fordernde Kämpfe wie gegen Trolle geben dürfen.

Ihr denkt, dass ich bisher nicht wirklich ein gutes Haar an dem Spiel gelassen habe? Das kann gut sein. Und dennoch hatte ich meinen Spaß mit Der Krieg im Norden und habe es gerne gespielt. Warum? Weil es mit einem Kumpel zusammen oder online einfach Spaß macht. Und weil es vom Setting her richtig gelungen ist. Mittelerde wurde zwar teils etwas leblos, aber dennoch beeindruckend in Szene gesetzt. Die Landschaften sind schön, so dass die starken Begrenzungen und die schlauchartigen Levels dennoch irgendwie in den Hintergrund rücken. Man will ganz einfach die nächste Location sehen und freut sich, wenn man durch die Ettenöden reist, Bruchtal einen Besuch abstattet oder in den finsteren Düsterwald kommt. Natürlich wäre optisch oftmals noch mehr drin gewesen und ja, die Story wird einfach lahm erzählt. Dennoch hat mich der Titel gefesselt. Es ist das Phänomen, dass man eben auch mit einem an sich mittelmäßigen Spiel, welches etliche Schönheitsfehler hat, dennoch eine gute Zeit haben kann. Und sind wir doch mal ehrlich, wenn in den deutschen Bildschirmtexten statt der korrekten Übersetzung ein „(German) To Mirkwood then.“ steht, dann darf man auch mal Schmunzeln. Das ist genauso der Fall, wenn man in den heiligen Hallen der Zwerge euren Protagonisten einen Warnruf vor Orks rufen hört, obwohl keine Orks weit und breit zu sehen sind. Oder wenn ihr darauf hingewiesen werdet, dass sich keine Pfeile mehr in eurem Köcher befinden, obwohl ihr den Bogen seit Minuten nicht mehr im Einsatz hattet.

Mit viel Feinschliff hätte aus Der Krieg im Norden sicherlich ein richtig toller Titel werden können. Allerdings wurden in nahezu jedem Bereich Potenzial verschenkt. Warum beispielsweise integriert man Nebenquests, wenn man diese nicht separat auswählen kann, sondern immer der Hauptgeschichte folgen muss? Ihr dürft zwar an früher besuchte Orte zurück reisen, erhaltet hier aber keinen weiteren Hinweis auf den Erfüllungsort der Nebenquests. Immerhin hat man mit ein paar Verteidigungsmissionen noch ein kleines Extra eingebaut, welches die Spielzeit noch einmal verlängert. Je nachdem, wie lange ihr euch mit dem Suchen der teils recht gut versteckten Geheimnisse aufhaltet, ist die Spielzeit von ca. 14 Stunden für die Story allerdings ohnehin recht gut ausgefallen. Da bietet so manch anderes Hack’n’Slay deutlich weniger Spiel fürs Geld.

Fazit (Markus)

Man sollte sich prinzipiell für Der Herr der Ringe interessieren, wenn man sich dem Der Krieg im Norden widmen möchte. Man sollte am besten auch einen Kumpel an der Seite haben, mit dem man den Titel kooperativ spielt und sich so nicht über die Unzulänglichkeiten der KI ärgert. Und man sollte dem Spiel einfach eine Chance geben. Auf Grund der vielen Top-Titel, die vor dem Weihnachtsfest in die Regale gekommen sind, mag das sicherlich vermessen klingen und man merkt, dass der notwendige Feinschliff bei Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden einfach fehlt. Dennoch hatte ich meinen Spaß mit dem Spiel. Und darauf kommt es im Endeffekt ja wohl an.

Fazit (Alex)

Ich hatte große Hoffnungen, dass mit Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden endlich ein wirklich gutes Rollenspiel in Tolkiens Fantasy-Welt Mittelerde erscheint, doch leider kam es dann anders. Eine mittelmäßige und lahm erzählte Geschichte, langweilige und kaum erwähnenswerte Charaktere, kaum vorhandene Rollenspiel-Elemente, fehlende Original-Sprecher und der unverständliche Verzicht auf die Originalmusik aus den Filmen ergeben zusammen mit dem zwar spaßigen (gerade mit mehreren Spielern), aber zu abwechslungsarmen Spielprinzip leider nur ein durchschnittliches Hack’n’Slay. Trotzdem hatte ich dank der guten Herr der Ringe-Atmosphäre, den bekannten Umgebungen und der gebotenen Action zumindest für eine gewisse Zeit meinen Spaß mit Der Krieg im Norden.

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