Im Test: Deus Ex: Human Revolution (PC)

In der Geschichte der Theaterdramaturgie kam es immer wieder vor, dass den Autoren eines Stücks die Ideen ausgingen. Wenn die Situation zu festgefahren und der Held aus eigener Kraft nicht mehr gewinnen konnte, so bediente man sich eines verpöhnten Kniffs: Dem Deus Ex Machina. Der Gott aus der Maschine bezeichnete das plötzliche Eingreifen einer fremden/höheren Macht, die letztlich den Helden rettete und alles zum Guten wendete. Auch Adam Jensen, Held von Eidos Montreals nagelneuem Cyberthriller Deus Ex: Human Revolution wird zu dessen Beginn in Stücke geschossen. Sein Deus Ex Machina ist jedoch sein Arbeitgeber Sarif Industries. Dieser augmentiert den zerstörten Körper mit allerlei kybernetischem Spielzeug und ermöglicht Jensen damit ein neues Leben – und die Chance auf Rache!

Adam Jensen and the world of tomorrow

Da steht er nun also. Eigentlich ist Jensen Sicherheitschef bei Sarif Industries und darf für gewöhnlich andere Leute herumscheuchen. Nun ist er selbst gefragt, denn der Angriff, bei dem Adam so schwer verletzt wurde, galt eigentlich seinem Arbeitgeber. Der ist wiederum einer der größten Hersteller kybernetischer Verbesserungen, so genannter Augmentierungen, und gegen diese gibt es in Teilen der Öffentlichkeit Protest. Also soll sich Jensen für seine Rettung doch bitte erkenntlich zeigen und die Drahtzieher des Anschlags finden.

Deus Ex: Human Revolution ist der mittlerweile dritte Teil der Cyberpunk-Rollenspiel-Shooter-Serie, die 2000 mit Warren Spectors gefeiertem Deux Ex begann. Das Spiel verband klassische Shooter-Elemente mit großer spielerischer Handlungsfreiheit, eingebettet in eine beeindruckend tiefe Geschichte. Spectors großer Verdienst war es, dass Deus Ex sowohl wie ein Actionspiel als auch nahezu völlig gewaltfrei gespielt werden konnte. Schlösser konnten zerstört oder geknackt werden. Sicherheitssysteme absichtlich ausgelöst, umgangen oder auch gehackt werden. Dem Nachfolger Deus Ex: Invisible War von 2004 gelang diese Freiheit nur noch teilweise, außerdem litt das Spiel bereits unter der offensichtlichen Optimierung für damalige Konsolen, die die in Previewversionen noch starke Technik letztlich arg beschnitt. Aber nun ist ja Deus Ex: Human Revolution da. Für dieses Spiel wurde extra das Eidos-Studio in Montreal aus dem Boden gestampft und viel Geld in aufwändige Rendertrailer und Marketing investiert. Warren Spector war diesmal nicht an Bord, doch auch so sollte das Spiel an alle großen Tugenden des ersten Teils heranreichen. Und über weite Strecken ist den Entwicklern das auch tatsächlich gelungen!

Auf den ersten Blick kommt Deus Ex: Human Revolution wie ein klassischer Shooter daher, Ihr steuert Jensen aus der Ego-Perspektive und entledigt euch der zahlreichen Feinde mit mehr oder weniger großen Gerätschaften. Doch bereits hier gibt es einen großen Unterschied: Denn mit Ausnahme der Bossgegner müssen die Kontrahenten gar nicht erlegt werden, es ist in der Regel sogar kontraproduktiv das zu tun. Die große Stärke des Spiels ist es nämlich, dass jede Mission auf mindestens zwei Arten erledigt werden kann. Durch gewaltsames Vorrücken, Schleichen, technisches Tricksen oder auch mal im Gespräch. Je nach Vorgehen gibt es unterschiedlich viele Erfahrungspunkte – pauschal gilt jedoch: Je gewaltfreier, desto lohnender! Hier spielen auch die rollenspieltypischen Upgrades und Jensens Augementierungen eine große Rolle, denn es steht euch frei zu entscheiden, ob Jensen brachiale Angriffsfähigkeiten erlernt, oder Gegner mit spektakulären Nahkampfmanövern ins Reich der Träume schicken kann. In jedem Fall ist bedachtes Vorgehen gefragt, denn allzu viel hält auch der augmentierte Mann von Morgen nicht aus. Dafür gibt’s aber ein Deckungssystem, mit dessen Hilfe Adam Jensen hinter Objekten Schutz suchen und dort aus der Third-Person-Ansicht agieren kann. Blöd nur, dass gerade diese Deckungssuche in heiklen Momenten gerne mal ihren Dienst versagt, etwa wenn Jensen vor einem falschen Objekt steht oder aber nicht nah genug, bzw. in einem schlechten Winkel. Daher sollten sich nur erfahrene Spieler in die Action stürzen, denn wie schon erwähnt gibt es stets eine Alternative zum Kampf. Doch bei aller Liebe zur spielerischen Freiheit haben die Entwickler leider einen ganz gravierenden Fehler gemacht. Gewaltfreies Vorgehen wird durchweg höher honoriert, was dazu führt, dass kampflüsterne Spieler auf lange Sicht deutlich weniger Erfahrung sammeln. In reinen Schleichspielen mag das noch Sinn machen, doch führt es zugleich die spielerische Freiheit von Deus Ex: Human Revolution ad absurdum. Denn was bringt mir die dickste Wumme, wenn ich durch ihren Einsatz langfristige Nachteile habe, weil ich nicht schnell genug neue Fähigkeiten und Augmentierungen erhalte? Dies kann eigentlich nicht im Sinne der Entwickler sein, weshalb dieser Balancefehler hoffentlich baldmöglichst gepatcht und jede Spielweise gleichermaßen belohnt wird.

Im Laufe der Geschichte reißt Jensen von Detroid, nach China, Kanada und zu anderen Orten. Eine offene Spielwelt gibt es nicht, Stadtgebiete sind stets auf ein paar Straßen begrenzt und werden mehr oder weniger glaubwürdig durch Straßensperren, Unfälle und Zäune abgeriegelt. Dennoch finden sich in den Leveln reichlich Abzweigungen, Durchgänge und Schächte für die verschiedenen Spielweisen, auch optionale Questgeber gibt es immer wieder. Insgesamt kommt die begrenzte Levelgröße der sehr straffen Handlung entgegen, denn es geht stets voran, Langeweile kommt praktisch nie auf. Gründliche Spieler werden dennoch belohnt, überall herumliegende Akten, Computer und Tonträger enthüllen weitere Details über das Gesamtgeschehen, deren Aufsuchen sich mehr als lohnt. Wer einfach nur von A nach B durch die Schauplätze rennt, verpasst einen guten Teil des eigentlich Spiels! Hier punktet Deus Ex: Human Revolution also abermals mit seiner Freiheit und offenbart reichlich Rollenspiel unter der Haube.

Dem entgegen steht leider die Technik. Nostalgiker könnten es in gewisser Weise als konsequent betrachten, denn schon das erste Deus Ex war 2000 nicht wirklich hübsch. Und auch 2011 hat der Ausflug in die augmentierte Zukunft zahlreiche technische Macken. Grundsätzlich ist die Grafik nicht schlecht, der kühle Stil á la Blade Runner ist allgegenwärtig. Doch im Detail fällt auf, dass viele Umgebungen recht steril gestaltet oder mit Klonobjekten bevölkert sind. Schlimmer ist es jedoch bei den Figuren. Während Jensen noch ziemlich ordentlich designt wurde, fallen die NPCs in ihrer Qualität deutlich ab. Kantige Gesichter und kaum vorhandene Mimik scheinen im Jahr 2027 Trend zu sein, denn nahezu jeder läuft hier so rum. Dazu kommen teils doch recht abgehackte Animationen, sowie das Fehlen einer dynamischen Beleuchtung – Lampen ausschießen ist also nicht. Gekrönt wird all das von Ladezeiten, die je nach Rechner gerne mal bis zu einer Minute dauern – Sauerei! Und doch, trotz all dieser Nachteile, kann man der Optik einen gewissen Reiz, eine gewisse Stilsicherheit nicht abstreiten. Alles wirkt irgendwie ein wenig synthetisch und atmosphärisch.
Dazu passt auch der wunderbar spärische Soundtrack, der abermals an Ridley Scotts großen Science Fiction-Klassiker erinnert. An einigen Stellen im Spiel stehen sogar Radios herum, die das original Deus Ex-Thema von 2000 abspielen. Auch die Synchronisation ist weitestgehend sehr gut gelungen, die Hauptfiguren, allen voran Adam Jensen selbst, wurden äußerst passend besetzt. Weit weniger schön ist es dagegen, dass die Figuren ihre Texte nicht lippensynchron wiedergeben, im Laufe des Abenteuers trefft Ihr so manchen Bauchredner. Trotzdem: Die Akustik ist insgesamt sehr gut gelungen und unterstreicht die düstere, technologische Stimmung der nahen Zukunft perfekt.

Fazit

Eidos Montreal hat Wort gehalten: Das neue Deus Ex erbt die Stärken des alten Deus Ex! Doch blöderweise erbt es auch einige seiner Schwächen – am Offensichtlichsten die nicht zeitgemäße Technik. Dass das kein K.O.-Kriterium sein muss, hat die Vergangenheit allerdings unlängst bewiesen. Weit unschöner ist dagegen die unausgeglichene Balance zugunsten defensiver Spieler, hier sollte schnellstens gepatcht werden, damit Human Revolution auch wirklich mit Recht behaupten kann, spielerisch frei zu sein. Im Endeffekt sind all das aber nur Krümel auf einem Kuchen, die zwar auffallen, aber nichts an dessen tollem Geschmack ändern. Deus Ex: Human Revolution ist ein sehr gutes, sehr spannendes Spiel, das mit wenigen Nachbesserungen sogar ein Großartiges werden kann.

Screenshots

3 Kommentare zu „Im Test: Deus Ex: Human Revolution (PC)“

  1. Hm, schade dass es hier kein Gütesiegel gab. Hätte das Spiel in meinen Augen definitiv verdient. Seit dem ersten Witcher hat mich nichts mehr so lange an den Monitor gefesselt.

    Die Atmosphäre ist der Wahnsinn und erinnert mich, vor allem wegen der Musik, teilweise sehr an Mass Effect. Technisch find ich das Spiel vollkommen ok, ich hatte nie das Gefühl, dass mir die Grafik in irgendeiner Form den Spielspaß raubt. Lediglich die Gesichtsanimationen hätten ruhig etwas natürlicher sein können und die Straßen etwas belebter.

    Ansonsten hab ich aber nichts auszusetzen, ich kann das Spiel nur wärmstens empfehlen.

  2. Also das die defensiven Spieler belohnt werden ist wirklich schade, wäre wohl besser gelöst dass wenn man durchs Spiel schleicht, die Schleichskills verbessert werden und wenn man sich durchschießt die Durchschießskills verbessert werden.
    Scheint aber trotzdem echt gut geworden zu sein, liest sich auch irgendwie nach „Gütesiegel“, aber ihr werdet schon wissen was ihr schreibt, wird wahrscheinlich gespielt wenn es etwas billiger wird

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