Das Leben – oder: die größte Minispielsammlung der Welt

Das Leben ist voller Minispiele. Oder nicht? Ich befinde mich in einer Zeit, in der Computer, technische Hilfen und nicht zuletzt Videospiele keine Neu- oder Seltenheit mehr sind, im Gegenteil – sie sind einfach „da“, gesellschaftlich akzeptiert; dennoch teilweise verpönt oder arglistig betrachtet. Videospiele haben doch mittlerweile beinahe den selben Rang wie das gute alte Gesellschaftsspiel, oder nicht?

Besonders seit Wii und Nintendo DS erledige ich nun immer mehr Dinge, wenn ich in Wirklichkeit doch spiele. Ich sitze an der Konsole und erledige Dinge, die ich außerhalb der Videospielwelt auch erledigen könnte – und mir dort sogar helfen würden.

Beispiel: Cooking Mama. Wer bin ich? Genau! Eine „Mutter“, die kocht. Da ich eigentlich ständig am Herd stehen würde, wenn dieser denn frei, benutzbar oder überhaupt vorhanden wäre, vergreife ich mich natürlich auch hier am Hacken, Kochen, Zwiebelschälen. All die schönen Dinge, die ich zum Glück auch nachspielen kann. Woher sonst soll ich denn noch mein Wissen nehmen? Irgendwo muss ich ja entweder lernen, oder mein Hobby ausüben können – warum also nicht auf der Videokonsole?

Beispiele wie diese gibt es viele. Da die Wii mit Bewegungssteuerung ausgestattet ist, habe ich einen Riesenspaß an der virtuellen Ausübung realer Tätigkeiten. Und wenn ich dann von meinem intensiven Powerjogging zurückkehre, bin ich nicht mal aus der Puste, erschöpft oder durstig. Einzig das Handgelenk schmerzt. Nichtsdestotrotz habe ich meinen Sport für heute erledigt, genau wie ich meine fünf verschiedenen Katzen- und Hunderassen in Nintendogs+Cats gefüttert und ausgeführt habe – womit mich das Gefühl tiefer, innerer Zufriedenheit erfüllt.

Besonders gefährlich wird es jedoch, wenn ich beginne, mein Wissen über Menschen, Karriere und den Verlauf von Gesprächen aus Videospielen in die Realität übertragen will. Durch Die Sims weiß ich ja immerhin so einiges: Je mehr ich mit einer Person zu tun habe, desto besser kann sie mich leiden. Der Heirat steht nichts mehr im Wege! Auch die Beförderung steht kurz bevor, immerhin habe ich im Büro immer hart gearbeitet, mit Kollegen gequatscht und dem Chef geschmeichelt – natürlich immer im Wechsel, damit es weder mir noch den anderen Parteien langweilig wird. Doch das Problem ist: Im Gegensatz zur Gurke kann sich der Mensch wehren, so hat er doch seine eigene Meinung. Für unser Leben gibt es nun mal keine „Komplettlösung“!

Doch wie ist es andersherum? Immer wieder vergleiche ich Spiele mit der Realität … Lasst mich nun mal die Realität mit Spielen vergleichen!

Direkt zu Anfang muss ich feststellen, dass ich als Videospieler natürlich nicht mit den Augen eines „Nichtspielers“ sehen kann – aber durch solche käme die Assoziation ja auch nicht zustande. Wie oft erwische ich mich nun also selbst dabei, wenn ich allein bei einem Gegenstand, einer Landschaft oder einem Satz an ein Videospiel denke? Ich bin jemand, der mindestens einen Teil der Assassin’s Creed- oder Prince of Persia-Reihe gespielt hat – insbesondere direkt nach einer längeren Spielphase denke ich bei der Betrachtung eines Gebäudes: „Wie könnte ich dort hinauf klettern? Wo kann ich mich festhalten?“ Auch eine Zugfahrt oder ein Besuch der Großstadt könnte mich als geneigten Spieler mit derart Gedanken konfrontieren. Wenn ich selbigen entsprechend weiter spinne, könnte ich durch dieses Spiel zum Klettern animiert worden sein, was dann auch in meiner Freizeit fernab der Konsole ausgeübt wird. Dies lässt sich durchaus weiter adaptieren – das Spielen von Mirror’s Edge animiert mich möglicherweise zum Parcours und ein Teil der Tony Hawk-Reihe zum Skaten.

Wenn ich bei meiner Großmutter im Gemüsebeet arbeite, werde ich vielleicht mit Erinnerungen an Harvest Moon konfrontiert. Sobald im Akkord Unkraut gerupft wird, fühle ich mich doch glatt wie in einem Minispiel. Hm … Blumen? Ich nehme automatisch an dem kleinen „Gieße die Blumen!“-Minispiel teil. Nicht nur gieße ich sie, nein; eventuell suche ich jedes Mal einen neuen, kürzeren Weg zu den verschiedenen Stationen oder nehme diesmal zwei Gießkannen mit, um in der Mitte den Gang zum Waschbecken ausfallen zu lassen. Morgens stehe ich auf und putze die Zähe … rauf, seitlich, runter, im Kreis … dann wird ausgespült. Ich schneide mir mein Frühstücksbrot und verbessere dort meine „Skills“ – ich weiß mit der Zeit genau, wie man schneiden muss, um unverletzt zu bleiben oder welche Brotbeläge gut zusammenpassen. Nachmittags beim Fußballtraining level ich dann noch die Kondition hoch und verbessere gegen Abend mein Wissen durch das Lesen von Büchern.

Ein Minispiel ist also ein „kleines Spiel“ oft auch ein „Spiel im Spiel“ wie zum Beispiel das Angeln in The Legend of Zelda. Wäsche waschen könnte somit also glatt ein Minispiel im großen Spiel des Lebens sein. Warum also habe ich so Spaß an Simulationen? Einfach mal abschalten, Dinge ausprobieren. Dinge, die ich außerhalb der Videospielwelt nicht tun könnte oder deren Konsequenzen ich nicht tragen will. Doch diese „Minispiele des Lebens“ gab es schon weit vor der Erfindung der Videospiele;  so kann man Minispiel ja schon mit Hobby oder einer einfachen Handlung assoziieren.

Die These, das Leben sei voller Minispiele, ist wohl demnach keine Utopie eines Videospielers, vielmehr stellt es die Realität mit einem Begriff aus der Videospielwelt dar.

Wie seht ihr das? Welches ist euer Lieblings „Lebens-Minispiel“? Aber nun genug gelesen – jetzt versucht doch mal, euren Highscore zu knacken – beim Spülmaschine-ausräumen!

2 Kommentare zu „Das Leben – oder: die größte Minispielsammlung der Welt“

  1. >> insbesondere direkt nach einer längeren Spielphase denke ich bei der Betrachtung eines Gebäudes: „Wie könnte ich dort hinauf klettern? Wo kann ich mich festhalten?“ <<

    Hah, wie oft hab ich das schon erlebt 😀 Kann mich noch daran erinnert, als ich Kurukuru Kururin (GBA) viel zu lang und oft gespielt habe und jeden Gang gedanklich mit dem rotierenden Hubschrauber durchgegangen bin… Gruselig!

  2. Zur Zeit verbesser ich dauernd meinen Skill im Windelwechseln. Anfangs ein völliger Noob, mittlerweile bei gefühlt Level 8, wo es nur noch knappe 2 Minuten dauert, wenn sie nicht nicht groß gemacht hat.

    Ich sehe es eher so, dass die meisten Spiele die Realität als Vorbild nehmen und deren Handlungen in Spiele verpacken. Meist sind diese Handlungen vereinfacht, perfektioniert oder überspitzt dargestellt, damit es dem Spieler überhaupt Spaß macht.

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