Im Test: ICO & Shadow of the Colossus

Wer einmal in Ausbildung oder Studium die Grundlagen von Design und Gestaltung gelernt hat, dem wurde mit Sicherheit die oberste Weisheit kreativen Schaffens mit auf den Weg gegeben: Gestalten heißt reduzieren! Je schlichter, einprägsamer, effizienter, desto besser. Ob moderne Webseiten oder nach Obst benannte Hosentaschencomputer. Minimalismus ist angesagt. In der Spielewelt gilt jedoch ein anderer Grundsatz: Gestalten heißt Explosionen, Zeitlupe, Krawumm und Drama, Baby! Je lauter, schneller, bombiger, desto besser. Dass es auch Ausnahmen gibt, bewies Sony zu PS2-Tagen mit zwei ungewöhnlichen Adventures: ICO (2002) und Shadow of the Colossus (2006). Von der Presse gefeiert, von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen, erzählten diese Werke ihre stillen, melancholischen Geschichten all jenen, die bereit waren, in Ruhe zuzuhören. Und wer das bisher noch nicht tat, der sollte sich schämen hat nun die Möglichkeit, beide Abenteuer als aufgebohrte HD Classics nachzuholen!

Zunächst sei erwähnt, dass Sonys HD Classics inhaltliche 1:1-Umsetzungen sind. Lediglich die Technik wird aufgebohrt, die Auflösung erhöht und die Spiele in günstige Bundles zusammen geschnürt. Daher sparen wir uns an dieser Stelle ausführliche Reviews beider Spiele, denn die gibt es seit fast einem Jahrzehnt zur genüge im Internet. Stattdessen wollen wir kurz auf die Umsetzung eingehen und euch erklären, warum beide Titel zum besten gehören, was auf Sonys PS2 erhältlich war. Kurz zum Inhalt: Im Abenteuer von 2002 übernehmt Ihr die Kontrolle des 12-jährigen ICO, ein Junge, der von Geburt an zwei kleine Hörner auf dem Kopf trägt. Sein Leben lang muss er daher Ablehnung und Missgunst ertragen, denn in seinem abergläubischen Dorf wird er für Missernten und ähnliche Phänomene verantwortlich gemacht. Doch alles ändert sich, als er eines Tages entführt und in eine verlassene Burg gesperrt wird. ICO gelingt die Flucht und schon bald trifft er auf Yorda, ein bleiches Mädchen. Hand in Hand machen sie sich auf die Flucht aus der Festung. Klingt zunächst nach nicht viel…

Die Handlung von Shadow of the Colossus ist dagegen sogar noch einfacher gestrickt. Ein junger Held trägt den leblosen Körper seiner Geliebten in einen Tempel und fordert von den Göttern ihr Leben zurück. Die willigen ein – doch nur, wenn der Junge für sie 16 mächtige Kolosse vernichtet. Beide Abenteuer beginnen ohne allzu große Erklärungen oder Hintergrundwissen. Es wird nicht viel erzählt, es wird keine Story in Scriptsequenzen verpackt – vielmehr erkundet Ihr eine Welt, die fremd und sonderbar ist, in der euer Held ebenso alleingelassen wird, wie Ihr. Beide Spiele beziehen ihren Reiz aus der besonderen Atmosphäre, dem Spiel mit beeindruckenden Umgebungen und Musik. Zusammen mit ICO könnt Ihr nur rätseln, warum man euch in diese verlassene Ruine gesperrt hat, was es mit Yorda auf sich hat und warum Ihr euch gegen seltsame Schattenwesen erwehren müsst. Diese Reduktion auf einige wesentliche Spielelemente funktioniert damals wie heute erstaunlich gut, die Umgebungen erzählen allesamt ihre kleinen Geschichten und nähren die Neugier gleichermaßen wie die Ehrfurcht vor diesem Ort. Denn tatsächlich vermittelt die Welt von ICO das Gefühl, eine Festung zu erkunden, die vor unvorstellbar langer Zeit erbaut wurde. Jedes Geräusch, jeder Winkel trägt zu diesem Eindruck bei. Und eben diese Einsamkeit fühlt sich einfach fantastisch an.

Einsamkeit ist es dann auch, die das Abenteuer von Shadow of the Colossus prägt. Denn abgesehen von seinem Pferd begegnet der junge Held in der gigantischen Spielwelt keinem einzigen Lebewesen – außer den Kolossen, die mal einem Berg, einem Vogel oder einem gigantischen Fisch ähneln. Es gibt keine Sidequests, keine Erfahrungspunkte und Upgrades, es geht nur darum, diese Giganten zu töten. Begegnet Ihr einem, muss dieser zunächst mal mit teils halsbrecherischen Manövern „geentert“ und anschließend erklommen werden. Der Clou hierbei: Jeder Koloss ist eine Art lebendiger Level in der Spielwelt, der dynamisch erklettert und letztlich auf meist dramatische Weise zu Fall gebracht werden muss. Anders als in ICO laufen diese Kämpfe spektakulär ab und stehen im krassen Kontrast zur sonstigen Ruhe. Auch nimmt sich das Spiel die Zeit, einen jeden Koloss beeindruckend und bedrückend zugleich sterben zu lassen – und zunehmend stellt sich auch der Spieler die Frage, warum er diese mächtigen Wesen, die ihm nichts böses getan haben, zu Fall bringen muss. Die Antwort erhaltet Ihr in einem famosen, emotionalen Finale, wie man es nur selten zu Gesicht bekommt.

Technisch konnten beide Titel ihrerzeit überzeugen, auch wenn es weniger de Anzahl der Polygone und Effekte, als vielmehr der geschickte Einsatz von Licht und Weitsicht, sowie einem einprägsamen Stil war, der bis heute zeitlos wirkt. Für die HD-Umsetzung hat Sony die Auflösung auf 1080p hochgeschraubt, sowie das damals etwas ärgerliche Kantenflimmern behoben. Gestalterisch und im Leveldesign hat sich nichts verändert, auch wenn alles nun deutlich schärfer und knackiger aussieht. Besitzer eines 3D-Fernsehers können die fremden Welten auf Wunsch auch stereoskopisch erkunden, eine entsprechende Anlage vorausgesetzt  sogar in 7.1 Surround-Sound. Die Änderungen sind somit minimal, doch sorgen sie dafür, dass beide Spiele auch im Jahr 2011 noch ihren ursprünglichen Charme behalten und mit ihrer Mischung aus Epik und Melancholie fesseln können. Die beste Nachricht ist ohnehin, dass es dieses Bundle überhaupt gibt, denn gerade Shadow of the Colossus war im Internet kaum noch zu einem vernünftigen Preis zu ergattern.

Wer also zwei echte Klassiker der Spielegeschichte nachholen will, die vorbildlich zeigen, wie man mit wenigen Mitteln große Gefühle erzeugen kann, der kann endlich bedenkenlos zugreifen. Die HD-Anpassungen sind unauffällig und hieven beide Titel sachte auf ein aktuelles Niveau. Zum Preis von unter 40 Euro warten hier viele Stunden epischer Unterhaltung, die allen, die sich auf eine „andere“ Art von Abenteuer einlassen können, lange in Erinnerung bleiben werden.

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2 Kommentare zu „Im Test: ICO & Shadow of the Colossus“

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