Chaos auf dem Schlachtfeld

Seit genau einer Woche ist der heiß erwartete Multiplayer-Shooter Battlefield 3 nun auf dem Markt. Doch statt in den Foren und Spielemagazinen über die Qualität des eigentlichen Spiels zu diskutieren, gibt es unter Battlefield-Fans fast nur ein Thema: Origin! EAs Onlineplattform und Konter gegen Valves Steam sorgt für eine beispiellose Unsicherheit, Gerüchte, Spekulationen, Panik – kurzum: Chaos. Mittlerweile über 3.500 (!) negative Amazon-Rezensionen der PC-Fassung von Battlefield 3 sind da nur die Spitze des Eisbergs. Wir fassen die Ereignisse der letzten Tage zusammen.

Seit weit über einem halben Jahrzehnt hat sich die Online-Spiel- und Kaufplattform Steam eine bequeme Monopolstellung aufbauen können. Das System, das Anfangs mit großer Skepsis aufgenommen und als zwingender Bestandteil von Half-Life 2 gnadenlos durchgeboxt wurde, hat sich mittlerweile dank praktischer Funktionen wie Auto-Aktualisierungen oder dem ortsunabhängigen Zugriff auf die Spielebibliothek bei vielen PC-Spielern eingenistet. Und da über Steam auch längst eine Menge Geld gemacht wird, war es nur eine Frage der Zeit, bis andere große Haie im gleichen Becken mitschwimmen wollen. EAs Origin ist im Grunde genau das selbe wie Steam. Die Plattform koppelt ein Spiel per Seriennummer verbindlich an einen Account. Weiterverkauf dadurch unmöglich. Zudem funktionieren Installation, Deinstalltion, Starten, kurzum die komplette Verwaltung eines Spiels ausschließlich über diesen Software-Client. Im Gegenzug hält Origin eure Spiele auf dem neuesten Stand, informiert direkt über Neuigkeiten, erlaubt von jedem PC aus den Zugriff auf die erworbenen Spiele und dient überdies noch als äußerst praktikabler Kopierschutz. Das einzig Blöde daran, EA lässt sich diesen „Service“ mit Rechten bezahlen, die jeder Beschreibung spotten!

Seit August war bereits bekannt, dass Battlefield 3 ohne Origin nicht laufen wird – auch das baldige Mass Effect 3 soll nur mittels der umstrittenen Onlineplattform funktionieren. Für EA verständlich, denn wie schon einst Valve, muss auch der Branchenriese den doch recht sturen PC-Spielern solche Software in der Regel mithilfe potenzieller Toptitel aufzwingen – freiwillig installiert es sich keiner. Doch wo liegt denn jetzt genau das Problem? Auch wenn sich schon früh Gerüchte über eventuelle Spyware breitmachten, den Stein so richtig ins Rollen brachte erst die PC-Zeitschrift Gamestar, die mit Hilfe des Anwalts Thomas Schwenke die Origin-Nutzerlizenz (EULA) unter die Lupe nahm, welche jeder Spieler bei der Installation akzeptieren muss. Deren kritischste Punkte:

  • EA erhält das Recht, den Computer des Nutzers nach weiterer EA-Software zu untersuchen und deren Legalität zu prüfen, bzw. entsprechende Software zu sperren.
  • EA erhält das Recht, weitere, nicht näher definierte Daten über die Software und Hardwareausstattung des Rechners zu sammeln, an EA-Server auch auf anderen Kontinenten zu übertragen und an nicht näher genannte Partner von EA weiterzugeben.
  • EA erhält das Recht, die komplette Kommunikation des Spielers, welche über Origin oder das Spiel stattfindet, zu überwachen, auszuwerten und zu nutzen oder zu veröffentlichen.
  • EA verbietet dem Nutzer jedweden Anspruch auf Rechtsmittel, außer der Kündigung des Origin-Accounts.

Damit war das Ei gelegt. Obwohl diverse Passagen dieses Nutzervertrags mittlerweile wieder entfernt wurden und nahezu jeder Absatz aufgrund von Verstößen gegen deutsches Recht überhaupt nicht gültig ist, war der Aufschrei in den Medien gigantisch. Egal ob Spiegel, Stern, Focus, Die Zeit oder die Spieler selbst, alle stürzten sich auf das ungeliebte Kind, noch bevor es so richtig auf der Welt war. In zahlreichen Foren wurde zum Boykott der PC-Version aufgerufen, Programmierer und solche, die sich dafür hielten, rüsteten sich mit Prozess- und Ressourcenscannern und bliesen zur Jagd nach dem für vogelfrei erklärten Wild. Nichtsdestotrotz war der Ansturm auf die Aktivierungs- und Spielserver am 27.10. so gigantisch, dass EAs Systeme unter der Last zusammenbrachen. Ettliche Käufer der Ladenfassung konnten ihr Spiel nicht aktivieren, um zumindest die Solokampagne spielen zu können, Onlinekäufer mussten mit mickrigen Downloadraten kämpfen, sofern sie das Spiel überhaupt herunterladen konnten. Der Unmut war derart groß, dass zwischenzeitlich sogar die Telefonhotlines des Publishers abgeschaltet wurden, weil die Callcenter dem Aufmarsch wütender Spieler nicht mehr standhalten konnten oder wollten. Erst am Abend des Erscheinungstags hatte Electronic Arts seine Server wieder einigermaßen im Griff. Und nach den zahlreichen Protesten immerhin die ersten Passagen seiner umstrittenen EULA wieder herausgestrichen.

Während sich manche Spieler zur Zerstreuung übers Wochenende auf die virtuellen Schlachtfelder begaben, ging für andere der Krieg außerhalb von Battlefield 3 weiter. Mithilfe des Programms Process-Manager verfolgten Spieler die Schnüffeleien von Origin auf dem eigenen Rechner. So sollen Youtube-Beweise etwa belegen, dass Origin nicht nur wie von EA beschworen die zur Spielausführung notwendigen Daten verwaltet, sondern etwa auch Excel-Tabellen mit Steuererklärungen oder synchronisierte Handydaten wie etwa SMS liest.

Olaf Coenen, Geschäftsführer von Electronic Arts Deutschland, wurde das Ganze offensichtlich zu bunt, denn am Montag veröffentlichte er höchst offiziell eine Entschuldigung für die entstandene Verunsicherung und wies auf den abgeänderten Endbenutzer-Lizenzvertrag hin, der nun alle Spieler zufrieden stellen solle. In erster Linie wurde aber nur das Recht auf Überwachung der spielinternen Kommunikation entfernt, zumal es völlig unklar war, ob sich auch etwas am Verhalten der eigentlichen Software ändern würde. Weniger gutgläube Spieler bemühten sich daher, mit Tools wie dem Isolationsprogramm Sandboxie Origin vom eigenen Rechner auszusperren, ohne dabei das eigentliche Spiel Battlefield 3 zu beeinträchtigen. Abermals hatte die sehr lebhaft geführte Diskussion in den Gamestar-Foren einen praktikablen, wenn auch nicht einfachen Weg hervorgebracht. Und so langsam rührten sich auch besonnenere Stimmen in der Spielerschaft, die etwa den falschen Umgang mit Process-Monitor kritisierten und erstmals Erklärungsversuche lieferten, wie Origin in etwa funktioniert. Und warum beispielsweise das Youtubevideo mit der Steuerabrechnung schlicht falsch sei. Demnach erfasse Origin tatsächlich nur in recht begrenztem Umfang Daten. Auch EAs Olaf Coenen nutzte diesen Rückenwind um abermals zu beteuern, dass es sich bei Origin keinesfalls um Spyware handle. Dennoch: Noch am gleichen Tag veröffentlichte der Programmierer Razor1911 einen ersten Crack, der Battlefield 3 für alle ehrlichen Käufer auch ohne Origin spielbar machen soll (den Link sparen wir uns an dieser Stelle). Fraglich ist hierbei allerdings nicht nur, wie lange diese Methode unentdeckt funktionieren wird, sondern auch, was die daraus resultierenden Konsequenzen sind. Denn EA hat diesen Crack bereits als illegal eingestuft, wer ihn benutzt, könnte theoretisch Gefahr laufen, den Account gesperrt zu bekommen. Hier zeigt sich erst das wahre Ausmaß der Dinge, wenn fremde Hände plötzlich mehr Macht über das gekaufte Produkt haben, als man selber …

Kritik an EA, Kritik an Origin, Kritik an den Kritikern – so hatten sich die Herren und Damen bei DICE den Start ihres großen Modern Warefare 3-Konkurrenten sicher nicht vorgestellt. Denn das Spiel, welches sich bei uns gerade noch im Test befindet, kann im Grunde genommen am wenigsten dafür. Es ist super, doch die damit verbundenen Restriktionen eine Qual sondergleichen. Das allergrößte Problem ist dabei aber nicht mal Origin selbst, sondern die Unterschwelligkeit, mit der Electronic Arts die Software an den Mann gebracht hat. Der Lizenzvertrag wurde offensichtlich 1:1 aus dem Amerikanischen übersetzt, ohne darauf zu achten, dass ein Großteil der Klauseln gegen deutsches Recht verstößt (was sie damit schlicht unwirksam macht, denn keine AGB kann ein Gesetz aushebeln). Zudem hätte EA erwarten müssen, dass ihre Software kontrovers aufgenommen wird und dementsprechend durch Information entgegen wirken können – es scheint, als habe man die Situation zunächst schlicht aussitzen wollen. Letztlich sind es nun vorallem wilde Spekulationen, Panik und angebliche Beweise darüber, was Origin tatsächlich alles auspioniert oder auch nicht. Am Ende hat das Ganze aber vielleicht doch noch einen positiven Effekt: Der öffentliche Imageschaden, der sich weit über die Gamerszene hinaus in der Welt verbreitete, könnte so manchen Publisher (und vielleicht ja auch EA) doch ein wenig nachdenklich stimmen. Und eventuell blieben wir dann von zukünftigen und noch bekloppteren Schutzverfahren verschont. Schön wäre es jedenfalls.

14 Kommentare zu „Chaos auf dem Schlachtfeld“

  1. zocka:
    krass. so schubst man die spieler immer näher richtung illegale downloads

    Naja, ohne Origin kann mans ja gar nicht online spielen, und BF3 is ja im Prinzip nur online, so zwingt man die Spieler eher sich ausspionieren zu lassen oder das Spiel gar nicht spielen zu können.
    Auch nicht gut

  2. Habe mir schon diverse Kundenrezessionen auf Amazon durchgelesen. Ist wirklich ein Hammer. Noch schlimmer finde ich, dass es Leute gibt,denen es offenbar gar nichts ausmacht, ihre eigenen privaten Daten weiterzugeben oder sich ausspionieren zu lassen.
    Generell bin ich der Meinung: Online-Zwang in PC-oder Videospielen? Nein, Danke!

  3. kugelwilli:
    Noch schlimmer finde ich, dass es Leute gibt,denen es offenbar gar nichts ausmacht, ihre eigenen privaten Daten weiterzugeben oder sich ausspionieren zu lassen.

    Naja, so geht’s aber scheinbar dem Rest der Welt. Diese große Aufregung wegen Origin findet momentan glaube ich nur in Deutschland statt.

  4. Hier in Deutschland ist man traditionell irgendwie vorsichtiger mit seinen Daten. Es scheint, dass Stasi, SS und Konsorten über die Generationen hinweg ein hohes, wenn auch unbewusstes Bedürfnis nach Privatsphäre in unsere Köpfe gehämmert haben.

    Mir persönlich geht’s einfach nur ums Prinzip. Niemand hat was auf meinem Rechner verloren. Punkt. EA kommt ja auch nicht vorbei und inspiziert meine Wohnung, bevor ich spiele. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich etwas zu verbergen habe oder nicht. Abgesehen davon hab ich sogar ´ne Menge zu verbergen. Private Daten, Schriften, Unmengen an Arbeitsmaterialien, die für mich Geld wert sind. Das geht keinen was an.
    Diese hierzulande völlig unpassende EULA ist halt einfach ein peinlicher, schlechter Scherz. Und für sowas sollte EA eigentlich zu groß und professionell sein.

  5. Ja, ich seh das auch nicht ein. Ich hoffe auch, dass Origin bis zum Release von Mass Effect 3 noch entschärft wird. Ansonsten muss ich evtl. doch auf die PS3-Version zurückgreifen, was allerdings nur der letzte Ausweg wäre, da ich schon gern mein Savegame aus Teil 2 importieren würde…

  6. Die ganze Situation macht schon ein wenig sprachlos. Vor allem, da ich schon gedacht habe, dass es kaum noch einen schwachsinnigeren Kopierschutz gibt, als den Onlinezwang, den einige Offline-Spiele haben. Schön zu wissen, wie man sich irren kann…

  7. Andreas! Bring sie doch nicht auf dumme Ideen!

    Ich bin dafür die Arbeitslosenquote zu senken, indem man pro Spiel automatisch einen Security dazukauft, der das Spiel liefert und aufpasst, dass alles ordentlich verläuft und kein Unfug getrieben wird. Oder man darf nur noch beim Publisher direkt spielen oder in speziellen Spieleinrichtungen. Back to the arcade.

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